griechenland

Zweiter Bericht aus Athen


Athen stirbt einen langsamen Tod…

4-5 Millionen Menschen wohnen in Athen und Piräus, fast die Hälfte der griechischen Bevölkerung. Es gibt kaum Hochhäuser, Athen braucht viel Fläche… Fährt man mit der Tram vom Syntagma-Platz - das ist der zentrale Platz, auf dem das alte Königsschloss steht, das der erste König Griechenlands im 19. Jh., König Otto, in klassizistischem Stil erbauen ließ und das heute als Parlament dient - in Richtung Voula und Sounion, dann kommt man durch viele Stadtviertel mit erstaunlich viel Grün…


Auf den ersten Blick scheint hier alles normal, aber nur auf den ersten Blick. Und dann sieht man immer mehr leerstehende Läden, geschlossene Geschäfte, viele Schilder mit der Aufschrift „zu vermieten“, „zu verkaufen“, man sieht sehr viel Renovierungsbedarf an den Häusern, Müll, man sieht Autos ohne Nummernschilder, unangemeldete Motorräder…. und zwischendrin immer wieder Menschen in verwahrlostem Zustand, Frauen im schmutzigen Unterrock, Männer mit langen Bärten und zerzaustem Haar, denen einfach das Geld für den Frisör fehlt. Man sieht kranke Menschen, Gebrechliche, Menschen, die jede Hoffnung auf ein lebenswertes Leben verloren haben.


Dr. Giannaros vom Elpis-Krankenhaus hat es so formuliert: „Wenn man in Deutschland einen Hund in einem solchen Zustand fände, würden viele Menschen den Tierschutz rufen… hier sterben sie. …. Wir behandeln sie. Wir behandeln jeden, ob schwarz, oder weiß, Flüchtling oder Grieche, mit oder ohne Krankenversicherung…“


...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...

Schauen wir uns weiter um: auf dem Syntagma-Platz, in dessen Umgebung früher viele Cafés und Restaurants und gute Hotels gelegen waren, ist nicht mehr viel los. Auch hier viele Bettler und verwahrloste Menschen, dazwischen auch einige Touristen, vor allem Jugendliche aus aller Herren Länder. Ihr größter Spaß: ein Selfie vor dem Parlament (für die, die nicht wissen was ein Selfie ist: das ist ein Foto, das man mit dem eigenen Handy an der Stange von sich selber macht, und wo man in der Regel blöd in die Kamera lächelt).


Die Cafés sind verwaist, obwohl es Wochenende ist. Da, wo früher an solchen Tagen kein Platz zu ergattern war, ist heute gähnende Leere. Springbrunnen sind abgestellt, Grünanlagen ungepflegt, Fenster der Häuser nicht geputzt, vieles verfällt und verdreckt. Und dann die Tauben, die exponentiell zugenommen haben. Massenhaft Tauben, die jetzt ihren Dreck hier lassen.
Aber auch die Tauben sehen schlecht aus, zerzaustes Gefieder, krank… Und zwischendrin wieder die Bettler und Gebrechlichen. Da macht es wenig Freude, sich niederzulassen und einen teuren Eisbecher zu bestellen. Und wenn in einem Restaurant nur ein Gast sitzt, dann kommt selten ein zweiter hinzu. Und die Mieten sind hoch, und die Mehrwertsteuer auch, inzwischen stehen 23 % auf den Kassenzetteln. Es gibt wenig Hoffnung, dass die Läden, die noch in Betrieb sind, überleben werden…


Und das war einst ein Vorzeigeviertel der Stadt. Trotzig steht das Hotel Grande Bretagne auf der linken Seite, der Portier in Uniform hat nichts zu tun. Auch hier scheinen die Gäste auszubleiben… Ich bummele über die Panepistimiou, die Universitätsstraße hinunter Richtung Omonia-Platz. Verwaist das alte Schliemann-Haus, das das Numismatische Museum beherbergt. Wer will da noch hin, im Moment. Bettler liegen auf der Straße. Überall Schäden von den Demonstrationen der vergangenen Monate. Wie war das alles proper 2004, im Jahr der Olympiade, als Athen den Höhepunkt der Stadtentwicklung erreicht hatte: alles mit Krediten der Banken, die jetzt die Rückzahlung fordern.


...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...

Weiter unten komme ich zu den klassizistischen Bauten des 19. Jhs., vor vielleicht 15 Jahren aufwendig renoviert und mit viel Plattgold überzogen: die Akademie, die Universität, die Nationalbibliothek, nach Plänen deutscher Architekten des 19. Jhs. erbaut.
In direkter Nachbarschaft befinden sich der katholische Dom und die ehem. Augenklinik, von Schinkel entworfen. Alles verfällt, Bauzäune sperren ab… Aus den Fugen der Marmorplatten vor den Gebäuden quillt das Unkraut. Die Natur erobert sich die Stadt zurück.


Ich gehe weiter Richtung Omonia. In der Umgebung auch hier nur Verfall. Früher gab es in dieser Gegend teure Geschäfte, reiche Griechen kauften hier ein. Viele Läden sind bereits geschlossen, anderen steht dieses Schicksal unmittelbar bevor. Überall Anzeigen: Schlussverkauf - wir schließen. Nicht, dass ich sie unbedingt vermisse, die Louis Vouittons dieser Welt, und die anderen hochpreisigen Geschäfte. Aber der Verfall ist schlimmer. Selbst McDonald's wird schließen, der Umsatz scheint nicht mehr lohnenswert. Und immer wieder verzweifelte Menschen, viele Alte, aber auch Kinder… Der Hunger wird hier sichtbar, bei den Menschen.


Ich kaufe bei einem Bäcker Käsetaschen, verteile sie und etwas Geld an die bettelnden Menschen, die mir begegnen. Ist das Europa? Nein, mein Europa ist das nicht. Für dieses Europa schäme ich mich. Viele Häuser sind mit Fanggittern versehen, weil aus den oberen Stockwerken der Putz und die Ziegel herunterfallen. Unrat und Müll in den Hauseingängen, zerfetzte Markisen, überall Leerstand und wieder bettelnde Menschen. Zwischendrin ein Treffpunkt von Asylanten.


...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...

Es hängen Zettel mit Nachrichten in arabischer Schrift aus. Gestrandete Menschen, jeder einzelne ein Schicksal. Ich gehe weiter in Richtung Nationalmuseum. Auf dem Platz davor traf sich früher die Schickeria. Es gab hier tolle Cafés, mit köstlichen Eis.. Ich habe immer gerne Chicago gegessen, damals, als die Welt noch in Ordnung war.
„Ena Tzikaago parakalo", ein Schokoeis mit Schokoladensauce und Nusssplittern… Der Springbrunnen brachte damals Kühlung, auch der auf dem Omonia-Platz… Jetzt springt hier schon lange nichts mehr - außer hungrigen Katzen…


Der Platz verfällt, Müll, Unkraut aus den Ritzen der Pflasterung, leere Cafés.. Arbeitslose verteilen Werbezettel, auf denen steht: 20 % auf alles, und doch sind sie leer, die Cafés. Keiner hat mehr Geld hier, denn die, die das Geld haben, sind jetzt woanders.. Der Todeskampf wird sichtbar, spätestens im Herbst werden die letzten Cafés endgültig schließen, wenn die Touristen das Land verlassen haben. Der Zugang zum einst schönsten Museum Griechenlands, ein trauriger Anblick… Sterbendes Athen… Ist das Europa? Nein, mein Europa ist das nicht…


Euer Wolfgang Hautumm aus Athen



...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...