griechenland

Zur Situation auf Lesbos - Januar 2016


wieder ein Bericht aus Moria


Bei gutem Wetter, d.h. bei geringem Seegang, kommen nach wie vor täglich mehr als 1000 Flüchtlinge aus der Türkei nach Lesbos. An manchen Tagen sind es auch mehr als 2000, vielleicht auch 3000. Die Routen haben sich verschoben, seit die Türkei 3 Milliarden € zugesagt bekommen hat. Im letzten Jahr waren die meisten Ankünfte im Norden der Insel an dem rund 20 km langen Küstenstreifen zwischen Molivos und Skala Sikaminias. Inzwischen kommen sehr viele Boote südlich von Mytilini in der Umgebung des Flughafens an. Die Überfahrt dort dauert länger, die kürzeste Distanz beträgt knapp 20 km. Die Flüchtlinge berichten in der Regel, sie seien zwischen 2,5 und 4 Stunden unterwegs gewesen, in ungünstigen Fällen aber auch viel länger. Die völlig überladenen Boote lassen sich nur schwer steuern. Wenn die Wellen an der Küste von Lesbos niedrig erscheinen, wenn wenig Wind ist, dann muss das nicht heißen, dass es auf der anderen Seite ähnlich ist. Je nach Windrichtung kann die Situation auf Lesbos oder in der Türkei völlig anders sein.

Inzwischen gibt es auf Lesbos hunderte, ja wirklich hunderte freiwillige Helfer aus der ganzen Welt. Einige davon sind für bestimmte Tätigkeiten professionell ausgebildet. Zum Beispiel sind derzeit zwei Teams von Feuerwehrleuten aus Spanien vor Ort. Sie haben eine spezielle Ausbildung für Seenotrettung. Und sie haben auch Teile ihres Equipments mitgebracht. Auch die in der Seerettung erfahrenen Holländer sind mit vielen Freiwilligen vor Ort. Wenn aufgrund der Wetterlage mit der Ankunft von Flüchtlingen zu rechnen ist, beobachten sie Tag und Nacht mit Ferngläsern das Meer. Gelegentlich sieht man auch die Küstenwache. Nachts werden von andern Freiwilligen an den Küsten Feuer entzündet, um den Booten bei der Orientierung zu helfen. Wenn ein Boot gesichtet wird, entfaltet sich an den Küsten von Lesbos große Aktivität. An Stellen, an denen eine Landung günstig ist, werden Fahnen geschwenkt. Schließlich fährt ein Rettungsteam den Flüchtlingen mit einem Schlauchboot entgegen, um es zu dem geeigneten Strandabschnitt zu geleiten.

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Bei jeder Landung kommt es zu herzzereissenden Szenen. Viele der Helfer haben ihren Einsatz inzwischen gut geplant und koordiniert. Einzelne von ihnen tragen Neoprenanzüge und gehen ins Wasser, um das Boot festzuhalten und zu stabilisieren. Meistens sticht einer der Flüchtlinge im vorderen Bereich sofort nach der Landung mit einem Messer in eine der Luftkammern. Mit einem lauten Knall fällt der Schlauch in sich zusammen, einzelne Passagiere fallen dabei dann noch im letzten Moment ins Wasser. Man tut das, um sicher zu gehen, dass man - zumindest mit diesem Boot - nicht mehr zurückschickt werden kann. Viele Helfer sind dann zur Stelle, um den Flüchtlingen aus den völlig überladenen Booten zu helfen. Manche der Flüchtlinge haben Plastiktüten, viele auch Rucksäcke dabei. Es ist ihr ganzes Hab und Gut, was bleibt von ihrem früheren Leben. Ärzte ohne Grenzen kümmern sich um alle, die unmittelbare Hilfe benötigen. Besonders erschöpft sind Mütter mit Babys und Kleinkindern, alte Menschen und Kriegsversehrte.

In der Zwischenzeit haben sich die örtlichen Sinti und Roma der Boote bemächtigt. Sie schlachten alles aus, was verwertbar ist. Die Holzböden der Schlauchboote sind nach wenigen Minuten auf ihre Pickups verladen, auch die Außenbordmotoren sind schon bald verschwunden. Eigentlich gehört Strandgut dem griechischen Staat, der aber ist nicht vor Ort. Schwimmwesten und die zerstörten Boote interessieren niemanden. Sie bleiben als Müll zurück. Nur ein kleiner Teil davon wird inzwischen geborgen und weiterverwendet; es werden von Freiwilligen Möbel und Taschen daraus hergestellt, die zugunsten der Flüchtlingshilfe verkauft werden sollen. Nachdem die Ankommenden erstversorgt sind - vor allem Kinder und Babys bekommen trockene Kleidung - werden die Geretteten mit Bussen nach Moria gebracht. Dort werden sie erneut von gut organisierten Banden von Sinti und Roma in Empfang genommen; die freiwilligen Helfer versuchen dies so gut als möglich zu unterbinden, aber es gelingt nicht immer, denn Sinti und Roma sehen manchen Flüchtlingen durchaus ähnlich, - am besten kann man sie an ihrer Sprache erkennen: sie sprechen griechisch oder türkisch untereinander. So wird dem ein oder anderen Flüchtling die letzte Habe gestohlen, zu Wucherkursen Geld getauscht oder eine Decke oder ein Schlafsack, ein Zelt oder Essen verkauft, das sie 50 m weiter kostenlos bekommen.

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Was ist Moria? Moria ist ein ehemaliges Militärgefängnis, das zur Registrierungsstelle erweitert wurde und seit dem Sommer 2015 in Betrieb ist. Alle Flüchtlinge müssen hier ihre Erstregistrierung durchlaufen, bevor sie die weitere Reise über Piräus nach Europa antreten können. Der erste Eindruck läßt jedem Ankommenden den Atem stocken: Assoziationen an KZ’s und Guantanamo sind unausweichlich; doppelte und dreifache Zäune aus hochwertigem Stahl, bekrönt mit scharfem Nato-Stacheldraht, ein unerlaubter Zugang ist unmöglich…

Im Inneren gibt es Platz für ca. 450 Flüchtlinge, der inzwischen nur noch für Familien mit Kindern genutzt wird, betrieben vom UNHCR, vom Danish Refugee Council, von den Doctors without borders und anderen NGO’s. Außerdem gibt es Arrestzellen für unerlaubte Flüchtlinge und die Büros der Behörden. Da die Kapazitäten viel zu klein sind, hat sich sehr schnell in den umliegenden Olivenhainen in der direkten Umgebung des Lagers ein regelloses Warteareal für Tausende weiterer Flüchtlinge gebildet. Die sanitären Zustände waren anfangs unbeschreiblich, es gab keine Toiletten, keinen Schutz vor Sonne, Wind und Regen. Man stelle sich das Schlimmste vor, was einem einfällt - es reicht nicht aus, um die Zustände zu beschreiben…

Die Versorgung mit Nahrung und Getränken war rein zufällig und überhaupt nicht ausreichend. Es gab Spenden aus der Umgebung von Griechen und von Gästen der Insel, viele von ihnen wegen der griechischen Krise selber notleidend. Als der Winter bevorstand, der in Griechenland nass und kalt ist, haben sich im November 2015 einige unabhängige Freiwillige zusammengefunden, um ein Hilfsprojekt zu starten, dass die allgemeine Not in Moria lindern sollte. Sie nannten sich Better Days for Moria (betterdaysformoria.com) und begannen ihre Arbeit am 29. November 2015. Inzwischen, nach nur fünf Wochen, ist daraus ein unglaublich effektives Hilfsprojekt geworden, in dem bereits weit mehr als 500 Freiwillige aus der ganzen Welt unentgeltlich und unermüdlich arbeiten und gearbeitet haben. Alle Berufe sind vertreten, alle Altersstufen, alle Religionen. Das Projekt organisiert sich selbst, es gibt keine feststehende Leitung, aber es funktioniert rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche. Jeden Tag um 14:00 Uhr gibt es für neu ankommende Freiwillige eine Einführung in den Ablauf und die Einsatzgebiete der Helfer. Wer dann dabei sein will, kann sich zu einer der Gruppen und Schichten eintragen. Drei 8-Stundenschichten werden absolviert.

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Erfahrene Helfer, die bereits längerer Zeit vor Ort sind, weisen die Neuankömmlinge ein. Auch wenn es gut ist, mindestens eine Woche zu bleiben, um die Abläufe wirklich zu verstehen, ist auch jemand, der nur zwei Tage da ist, herzlich willkommen. Vieles muss improvisiert werden, aber gerade darin liegt die Stärke des Projekts. Größten Einsatz erfordert die stets notwendige neue Reinigung des Areals; jeden Morgen sieht es wieder aus wie nach einer Gasexplosion; verlassene Zelte, Decken und Schlafsäcke im Matsch, Müll ohne Ende, - zumindest die sanitäre Situation ist aber inzwischen einigermaßen gut organisiert. Es gibt ein Zelt für medizinische Notversorgung; es gibt ein Zelt, wo trockene Kleidung und Schuhe ausgeteilt werden; es gibt ein Zelt, in dem zu festgesetzten Zeiten Essen ausgegeben wird; es gibt ein Zelt, wo man sich Tee holen kann, eines, in dem Kinder versorgt werden und spielen können, und es gibt ein Zelt, in dem die gesamte Arbeit der Freiwilligen koordiniert wird. Einige, die von Anfang an dabei sind und den größten Überblick haben, sind mit Walkie-Talkies ausgestattet. So können schnell notwendige Einsätze koordiniert und Helfer zu anderen Stellen geschickt werden; die wichtigsten Aufgabe sind: Sachspenden sortieren und ausgeben, Tee und Essen vorbereiten, saubermachen und immer wieder saubermachen, Infotafeln herstellen und beschriften, vor allem in den Sprachen Urdu, Farsi, Arabisch, Englisch, Französisch und Griechisch.

Jeder, der kommt, wird gebraucht; für alle gibt es Einsatzmöglichkeiten. Vor allem Menschen mit Sprachkenntnissen werden gesucht; vor allem Farsi und Urdu, und ganz wichtig, Menschen, die Griechisch sprechen und die die griechische Mentalität kennen. Oftmals werden sogar zwei Übersetzer gleichzeitig gebraucht: der Weg geht von der Sprache der Flüchtlinge ins Englische, dann vom Englischen ins Griechische und wieder zurück. Der sensibelste Punkt im Lager Moria: die Registrierung der Flüchtlinge. Dazu gibt es zwei Einlässe: einen für arabisch sprechende Syrer und Iraker, für Somalier, Eritreer, Sudanesen und Palästinenser, den anderen für Afghanen, Iraner, Pakistaner, Nepalesen, Srilankesen usw.. Abgewiesen und nirgendwo registriert werden Menschen aus Marokko, Algerien, Tunesien.

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Die Hoheit über den Einlass hat die griechische Polizei. Sie entscheidet, ob jemand eine Stunde oder 36 Stunden vor dem Gitter warten muss - oder gar keinen Zugang erhält. Wer diesen Durchgang geschafft hat, steht in der nächsten Schlange: vor den Büros der Frontex-Beamten. Sie führen die Befragungen durch, nehmen die Fingerabdrücke, machen Fotos, prüfen den Wahrheitsgehalt der Aussagen der Flüchtlinge mit Hilfe von Dolmetschern und anderen Quellen. Alleinreisende Minderjährige werden erst einmal in Gewahrsam genommen, Marokkaner, Algerier und Tunesier verhaftet und abgeschoben. Wieder kann es Stunden dauern, bis diese Prozedur durchlaufen ist. Gelegentlich bricht das Computersystem zusammen, dann dauert es noch länger. Vielleicht geschieht das auch absichtlich, weil man mal eine Pause machen will oder…

Manchmal fehlen die Übersetzer, auch das stundenlang. Und die Einsatzzeiten von Frontex, griechischer Polizei und Dolmetschern sind nicht koordiniert, so dass meist irgendjemand auf irgendjemand warten muss. Das einzige, was Flüchtlingen und Helfern hilft, ist gute Miene zum bösen Spiel. Wenn es den freiwilligen Helfern von Better Days for Moria gelingt, sich mit den griechischen Polizisten gut zu stellen, wenn es Ihnen gelingt, durch den unüberwindlichen Maschendrahtzaun für gute Stimmung zu sorgen, dann ist es auch schon einmal möglich, eine schwangere Frau, einen Kriegsversehrten, eine Familie mit mehreren kleinen Kindern oder einem Baby aus dem strömenden Regen oder der brennenden Sonne heraus vorzuziehen und ihnen das stundenlange Anstehen zu verkürzen. Erinnerungen an KZ-Methoden sind unwillkürlich…

Wenn es den Helfern von Better Days for Moria gelingt, hunderte wartende Menschen zu bewegen, sich in einer Schlange aufzustellen, ist bereits viel, sehr viel gewonnen. Die griechische Polizei schaut bewundernd zu. Es macht auch ihnen die Arbeit leichter, denn keiner spricht irgendeine Sprache der Flüchtlinge. Inzwischen geht es fast immer sehr friedlich zu vor den Registrierungssstellen. Bevor sich die Helfer von Better Days for Moria eingeschaltet haben, kam es immer wieder zu Gewalteinsätzen der Polizei. Menschen wurden wie Vieh behandelt. Unvergleichlich ist hier der Einsatz der 29-jährigen Shah aus London, sie spricht Farsi und Englisch und schafft es, wenn nötig immer wieder auch ganz alleine, dass sich 600 Menschen in eine Warteschlange einreihen. Ein griechischer Polizist sagt bewundernd: sie verrichtet die Arbeit von sechs bewaffneten Offizieren… Und Jack aus den USA und Litsa aus der Schweiz und Magda aus Thessaloniki und Jan aus Prag und und und…

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Better Days for Moria sollte für den nächsten Friedensnobelpreis vorgeschlagen werden.

Wer das begehrte Papier endlich in Händen hält, macht sich in der Regel sofort auf den Weg zur nächsten Fähre nach Athen. 45 € kostet das billigste Ticket, dann gehts weiter mit dem Bus zur Grenze nach Mazedonien; die meisten Flüchtlinge sind voller Hoffnung, sie wissen nicht, was sie erwartet. Aber eine menschenwürdige Behandlung haben alle verdient, alle!!! Und viele wollen nichts lieber als wieder zurück, wenn es endlich Frieden gibt, bei ihnen zuhause. Frieden!!!

Ich habe zehn Tage bei Better Days for Moria als Übersetzer gearbeitet: alles Sprachen, die ich mehr oder weniger gut kann, kamen zum Einsatz, griechisch, französisch, englisch, spanisch, holländisch und italienisch; ich habe sehr bedauert, dass ich nicht noch mehr gelernt habe… Besonders wichtig war es, für gute Stimmung bei den Griechen zu sorgen. Es hat vieles erleichtert, und wir haben viel gelacht, auch die Flüchtlinge…

Am Ende fiel mir zufällig ein Zettel in die Hände, auf dem stand:

  • Wo, wenn nicht hier?
  • Wann, wenn nicht jetzt?
  • Wer, wenn nicht wir?


Ich bin dankbar für die wunderbare Erfahrung, für viele anrührende Begegnungen, für die Begegnung mit vielen tollen Menschen.

Ob wir es schaffen, liebe Angela, ich weiß es nicht, aber wir müssen es versuchen.

In diesem Sinne, herzliche Grüße aus Moria,

Wolfgang Hautumm
Moria, den 11.1.2016