griechenland

Dritter Bericht aus Athen - August 2015


Mein Besuch im Elpis Krankenhaus

Das Elpis-Krankenhaus ist das älteste Krankenhaus in Athen und besteht seit 1842; die klassizistischen Gebäude stehen im ehemaligen Flussbett des Ilissos. Wer sich mit antiker Philosophie beschäftigt hat, kennt den Ilissos.

Es war ein Lieblingsplatz von Sokrates, wo er gern mit seinen Schülern hinging, um im Schatten der Platanen beim Rauschen des Baches zu philosophieren, wie uns Platon im Dialog des Phaidros überliefert. Heute geht das Krankenhaus mit 220 Betten im Häusermeer von Athen unter.
Als es im 19. Jh. gebaut wurde, lag es noch am Stadtrand, auf freiem Feld. Auf dem 14.000 qm großen Grundstück stehen mehrere Gebäude, umgeben von grünen Büschen und Bäumen. Alle Häuser sind unterirdisch miteinander verbunden.

Der Ilissos macht sich noch heute bemerkbar, obwohl das Bächlein längst versiegt bzw. verrohrt ist. Aber das Bachbett ist feucht geblieben und die alten Gebäude des Krankenhauses haben keine Isolierung nach unten. Feuchtigkeit steigt in den Mauern auf und der Putz fällt von den Wänden. Eine Sanierung wäre nur mit großem Aufwand möglich.


...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...

Das staatliche General-Krankenhaus hat u.a. folgende Abteilungen: Urologie, Kardiologie, HNO, 2x Chirugie, Gynäkologie, Augen, Neurologie, Röntgen, - Unfall und Orthopädie fehlen. Ich bin verabredet mit Dr. Theodoros Giannaros, dem Direktor der Elpis-Klinik. Es war kein problem, auch kurzfristig einen Termin zu bekommen. Er empfängt mich in seinem Büro in einer ebenerdigen Baracke neben den alten Gebäuden.

Sein Zimmer ist ca. 16 qm groß, hat einen einfachen Schreibtisch, das Fenster steht offen, ein paar Blumentöpfe versperren die Sicht nach draußen. Auf dem Schreibtisch ein Computerbildschirm, älteres Modell, zwei Telefone, Kalender, Aktenstapel.
Vor dem Schreibtisch zwei Sessel für Besucher. "Willkommen, Herr Hautumm, nehmen Sie Platz." Dr. Giannaros spricht fließend nahezu akzentfrei deutsch. Er hat in Göttingen und Karlsruhe studiert, in den 1980er Jahren. "Was trinken Sie?"Er wartet meine Antwort gar nicht ab, sondern ruft zum Fenster raus:"Ena metrio kai ena nero gia ton filo mas!"(Einen griechischen Kaffee und ein Wasser für unseren Freund hier.)

Es dauert keine 5 Minuten, dann wird alles durchs Fenster hereingereicht. Das Büro hat keine Klimaanlage, aber ein Ventilator bringt doch etwas Erfrischung. Schon bald sind wir in innigem Gespräch, auf deutsch und griechisch, und suchen gemeinsame Wurzeln oder Bekannte. Auf Anhieb finden wir nichts, und das Gespräch wechselt zum Anlass meines Besuches. Er weiß, dass die Initiative "Wir-helfen-Hellas.de" wahrscheinlich sein Krankenhaus unterstützen will. Ich stelle unser Engagement vor und er schildert mir die Situation in seinem Krankenhaus. Das Haus hat 220 Betten, die staatlichen Mittel wurden in den letzten Jahren um ca. 30% gekürzt, aber jeder, der hierher kommt wird behandelt.

Ob mit oder ohne Krankenversicherung, ob er Geld hat oder nicht, ob Grieche oder Ausländer, Tourist, Asylant oder ... Kein Wunder, dass an allem Mangel herrscht. Kürzlich fehlte im ganzen Haus das Klopapier - das Budget dafür war erschöpft und es gab kein Bargeld, welches zu kaufen. Und derzeit wollen alle Lieferanten Bargeld. Oder es fehlt an Mitteln, um etwas Yoghurt zu kaufen, die einzige Nahrung, die einige Schwerstkranke noch zusich nehmen konnten. Dr. Giannaros kaufte es schließlich von seinem Gehalt - er verdient 1400,-€ im Monat.


...
...
...
...
...
...

Seit sich vor drei Monaten sein Sohn das Leben nahm, ist der Klinikchef nahezu den ganzen Tag im Krankenhaus. Das lenkt ihn etwas ab von seinem Schmerz. Etwas Schlimmeres, als auf diese Weise sein Kind zu verlieren, kann einem wohl nicht passieren, meint er, und ich sehe, wie dicht die Tränen stehen. Jetzt tut er alles für seine Klinik. Es muss sehr viel improvisiert werden, und das kann er sehr gut. Aber es muss inzwischen auch alles minutiös dokumentiert werden, weil sehr viel neu reglementiert worden ist. Und das bindet Kräfte und blockiert vieles. Ständig klingelt das Telefon, irgendjemand bittet um Hilfe, die Sekretärin kommt dauernd herein, will eine Unterschrift oder bringt ihm eine Zigarette. Früher war er ein ganz harter Bursche, war lange beim Militär Leiter einer Spezialtruppe, Marinetaucher, Fallschirmspringer, Flieger, da hat er das Organisieren und Improvisieren gelernt.

Außerdem ist er als Schriftsteller bekannt. Das 220 Betten Krankenhaus hat ca. 600 Angestellte, davon 220 Ärzte. Dr. Giannaros ruft den Chefarzt der Gastroenterologie an und fragt, ob der mich durch die Klinik führen kann. Wenig später steht ein freundlich lächelnder Mann, Anfang 60, im Zimmer des Chefs. Es ist Dr. Dulgerolou. Ein Grieche mit türkischem Namen, die Familie kommt von der Insel Lesbos, wo mein gutes Sappho Olivenöl herkommt, das ich in Deutschland verkaufe. Natürlich finden wir schnell Orte und Plätze, die wir gemeinsam kennen.

Seine Großeltern kamen mit dem großen Bevölkerungsaustausch 1922 aus der Gegend von Ayvalik in der heutigen Türkei. Ich denke an den Film "Zimt und Koriander", der auf diese Schicksale eingeht. Und in Dr. Dulgerolous Büro spielt tatsächlich im Hintergrund Musik aus diesem Film...
Dr. Dulgerolou spricht kein deutsch, aber ich kann ihm trotzdem folgen, obwohl mir so manches medizinische Fachvokabular fehlt. Er führt mich durch die einzelnen Abteilungen, ich sehe ein altes CT-Gerät bekomme verschiedene, auch einzige kürzlich renovierte Krankenzimmer gezeigt und spüre deutlich, dieser Mann ist stolz, hier zu arbeiten. Er ist erst seit 30 Monaten hier, vorher war er in einem anderen staatlichen IKA-Krankenhaus, das auf Veranlassung der Troika geschlossen wurde. Derzeit sind von 185 Krankenhäuser in Griechenland 100 geschlossen.

Im letzten Jahr hat Dr. Dulgerolou 884 Endoskopien durchgeführt - nur mit der Hilfe einer einzigen Krankenschwester. Eine Sekretärin hat er nicht, Gewebe- und Blutproben bringt er selber ins Labor. Und alle seine Arztberichte muss er auch selber tippen. So ist es eben. Eigentlich hat er das Rentenalter erreicht, er ist 63. Aber er wird noch bleiben, die nächsten Jahre, weil - nach seinem Ausscheiden - soll die Abteilung geschlosssen werden. Es gibt keinen Nachfolger, und das kann er nicht verantworten. Er zeigt mir seinen Arbeitsbereich. Ein kleines Zimmerchen von 10 qm ist sein Büro, daneben der Behandlungsraum. Alles sehr einfach, uralte Geräte, aber in erfahrenen Händen. Eine Behandlungsliege, eine zweite hinter einem Vorhang, wo der fertig Behandelte noch etwas ruhen kann, während der nächste Patient bereits untersucht wird. Bevor wir uns herzlich verabschieden, frage ich ihn, ob er mir sein Gehalt verrät. Ja,- er verdient 1300,-€ im Monat. Für einen alterfahrenen Chefarzt! Kein Wunder, dass die jungen Ärzte massenhaft das Land verlassen.


...
...
...
...
...
...

Zurück beim Klinikchef versuche ich zu erfahren, was sie am dringendsten brauchen... Eigentlich alles, erfahre ich: Medikamente, OP-Bestecke, OP-Handschuhe, Verbandsmaterial, Butterflys, Blutdruckmessgeräte, stabile Rollstühle... Ich übergebe ihm einen Koffer voller Medikamente, Spenden aus Deutschland, von Privatpersonen, Ärzten und Apothekern, die sie gesammelt und an mich weitergeleitet haben. Eigentlich hätten diese Medikamente vernichtet werden müssen, obwohl bei allen das Verfallsdatum noch nicht erreicht ist.

Aber es gibt Menschen, die das nicht nachvollziehen können und sich über das Verbot hinweggesetzt haben. Ich kann deutlich sehen, wie sehr Dr. Giannaros sich freut, soviele teure Medikamente zu bekommen. Er wird sie dahin verteilen, wo sie dringend gebraucht werden. In meinem Beisein ruft Dr. Giannaros die Klinikchefs der einzelnen Abteilungen an und fragt sie, was derzeit am dringendsten gebraucht wird. Es fehlen u.a. Blutdruckmessgeräte, Medikamente und Verbandsmaterial. Ich sage dem Krankenhaus eine Spende von 5000€ aus der Initiative Wir-helfen-Hellas.de zu, und Dr. Giannaros tätigt noch in meinem Beisein die ersen und wichtigsten Bestellungen. Ich erkläre ihm, dass ich für alle Ausgaben Quittungen benötige. So wird es verabredet.

Das Geld ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber auch ein symbolisch wichtiger Akt, der zeigt, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die der europäischen Austeritätspolitik kritisch gegenüber stehen. Die sich als Humanisten, als Philhellenen fühlen und helfen wollen, wo die Not am größten ist.

Große und auch ungläubige Freude herrscht über eine Spende des Fuldaer Klinikums: Eine Kiste voller OP-Bestecke unterschiedlichster Verwendung. Und auch mehrere Kisten Verbandsmaterial und andere medizinische Materialien. Ich habe diese Spenden vorerst noch nicht mitgebracht, sondern nur Fotos davon, da mir ihr sicherer und ungestörter Transport im Flugzeug nicht zugesichert werden konnte. Aber es wird in Kürze einen Landtransport geben, organisiert von Prof. Dr. Dr. Athanassios Giannis aus Leipzig. Vielleicht werde ich mitfahren. Ich stehe in engem Kontakt mit Dr. Giannis, denn auch er organisiert derzeit eine große private Hilfsaktion für Griechenland. In enger Absprache mit Dr. Giannaros von der Elpis-Klinik werden alle OP-Geräte ihren optimalen Einsatzort finden. Aus Athen soll ich bereits jetzt ein herzliches Dankeschön an das Fuldaer Klinikum übermitteln...

Ein neuer Mann sitzt im Zimmer des Direktors, als ich von meinem Rundgang mit Dr. Dulgerolou zurückkomme. Man stellt ihn mir vor: Es ist Georgios Maroudas, der vielleicht bakannteste superrealistische Künstler Griechenlands. Berühmt weit über die Grenzen Griechenlands hinaus. Aber darüber demnächst mehr, wenn ich über meine Begegnungen mit zeitgenössischen Künstlern in Athen berichte...

Vielen Dank an alle Unterstützer und Spender, ich kann versichern, Sie tun etwas zutiefst Nützliches und Menschliches,

Herzlichst
Ihr

Dr. Wolfgang Hautumm
www.wir-helfen-hellas.de
www.ikarus-verlag.de